Portrait Regnault
Marcel Regnault
„...Am 7. Januar 1943: Ankunft in Liebenau mit meinem Freund André Bacquet. Meine Kleider (auch die Unterhosen), meine Uhr, alles, was ich hatte, wurde mir weggenommen. Ich bekam rohe Kleidung (Hanf) und Schuhe mit hölzernen Sohlen. Franz und Java mussten uns den Bart und den Kopf scheren.

Ich erinnere mich an einen runden Appellplatz. Jeden Morgen hatten wir Appell, ich denke, es war gegen 5.30 Uhr. Ein Wächter brachte einmal einen kranken Häftling zur Krankenstube. Und Kapos und Wächter spielten mit dem armen Kerl. Er musste auf Händen gehen. Die Kapos lachten, es war ein grausames Spiel und es dauerte immer einige Minuten. Jeden Morgen hatten wir dieses Schauspiel.

Jeden Morgen tranken wir den so genannten Kaffee. Zum Mittagessen gab es Suppe mit Kohl und ein schreckliches Brot. Einen Tag bekamen wir Margarine und einen Tag Marmelade. Ich kann mich erinnern an den Koch. Er füllte schnell den Teller mit einer Suppenkelle und sagte nur ein Wort: „Weg!“.

In unserem Lager waren zwanzig oder dreißig Russen in einer besonderen Baracke inhaftiert. Sie konnten nicht aufstehen. Sie hatten keine regelmäßige Nahrung. Von Zeit zu Zeit gaben die Wächter den Russen Abfälle. Sie hatten keine Heizung, keinen Schutz gegen Regen oder Schnee und Wind.

Es waren nicht die Wächter des Lagers, die uns direkt zum Arbeitsplatz begleiten mussten. Diese Männer hatten Hunde und waren mit Gewehren bewaffnet. Ich kann mich an die Gewehre erinnern, weil sie uns mit den Kolben bedrohten. Wir mussten etwa dreißig bis 45 Minuten im Wald marschieren. Es war streng verboten, mit jemandem zu sprechen. Wir mussten Steine mit der Schaufel und auch Kiessand mit den Händen aufheben. Und dann mussten wir kleine Blockwagen beladen. Ich sah die Eisenbahnschienen, aber ich wusste nicht, wohin sie führten. Wir mussten sehr schnell arbeiten. Unsere Wächter sagten immer: „Los!“ oder „Schnell!“. Wir haben auch Flussschiffe ausgeladen (am Rande des Kanals). Da war auch eine kleine Baracke, wo wir essen konnten, wenn es schneite oder regnete. Wir hatten unsere Lebensmittel für den Tag im Lager bekommen.

Einmal habe ich Kartoffeln gestohlen. Häftlinge mussten die Abfälle für die Schweine auf einem Bauernhof tragen. Ich nahm eine Schubkarre, ging zum Bauernhof und „fühlte“, wo die Kartoffeln waren und füllte meine Taschen. Der Wächter am Eingang des Lagers hat es nicht gesehen. Das war ein großes Risiko, aber ich war so hungrig!

Wir waren erschöpft nach der Arbeit. Manchmal kehrten wir mit Kameraden auf der Krankentrage zurück. Ich habe gesehen, wie schon gestorbene oder noch sterbende Kameraden in den Kalk geworfen wurden. Das werde ich niemals vergessen.

Liebenau ist für mich eine schreckliche Erinnerung. Nach dem Krieg konnte ich nicht vergessen. Jede Nacht kamen die Alpträume. Mein ganzes Lebens konnte ich mich nicht von Liebenau befreien.....“

Quelle: Brief an Martin Guse, Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau, vom 17.06.2001
Geb. 24.01.1920 in Brassy/Frankreich

Ausbildung zum Buchhalter
Im November 1942 dienstverpflichtet, in Kassel während der Arbeit "negativ" aufgefallen, Verhaftung und Überstellung in das "Arbeitserziehungslager" Liebenau am 7. Januar 1943.
Nach AEL wieder dienstverpflichtet. Rückkehr nach Frankreich im Mai 1945.