Portrait Gerhaerd Henking
Gerhard Henking
„...Die Firma Ernsting hier in Nienburg war ja ein Betrieb, der leicht brennen konnte. Es gab dort – wie gesagt - die Zimmerei und eine Tischlerei und auch ein Lager der Langhölzer war immer sehr umfangreich. Nun waren auf dem ganzen Gelände verteilt so genannte Zwei-Mann-Bunker verteilt. Das waren runde Gebäude würde ich bald sagen, mit sehr dicken Wänden. Man konnte da drin stehen, es war auch ein kleiner Sitz da drin. Und wenn Fliegeralarm war, dann mussten diese Bunker von uns aufgesucht werden, damit dann genügend Leute da waren, die bei einem Brandbombenabwurf schnell löschen konnten. Das war eigentlich schon ein sichtbarer Ausdruck für Kriegsvorbereitungen. Und ob es in Nienburg überhaupt einen großen Bunker gab, weiß ich nicht. Aber wahrscheinlich wohl kaum...

...Es muss wahrscheinlich im Jahre 1943 gewesen sei, da nahmen die Anflüge der Amerikaner auf die deutschen Städte immer mehr zu. Das war immer ein Schauspiel, das hat einem ein bisschen zu denken gegeben. Ich habe zu der damaligen Zeit manchmal bei uns im Garten gestanden, das war mein Elternhaus – heute Schreibwaren Fleischer an der Celler Straße - und mir dann angeguckt, wie diese Verbände über uns hinweg flogen. Der ganze Himmel war voll. Und man hat dann vielleicht geglaubt, uns passiert ja nichts, die fliegen ja woanders hin...

...Im Jahre 1943 nahmen ja die Anflüge der Engländer und Amerikaner auf deutsche Städte immer mehr zu und vor allen Dingen war des Nachts oftmals Fliegeralarm. Als Beschäftigte der Firma Ernsting mussten wir dann nachts zum Betrieb und die Bunker besetzen, um eventuell für Löscharbeiten zur Verfügung zu stehen. Nun war das stockfinster, es war ja absolute Verdunkelung. Und auch am Fahrrad durfte man kein volles Licht haben, es war nur so ein kleiner Schlitz an der Lampe erlaubt. Aber es nützte nichts, wir mussten hin. Und dann war es so, am nächsten Morgen musste man pünktlich wieder zum Dienst sein, obwohl man körperlich doch schon ein bisschen mitgenommen war. Meine Mutter hat mich dann nachts geweckt und na ja, mit Schwierigkeiten ging es dann los.
Aber eines Nachts, wir hatten zuvor einige Nächte nacheinander Fliegeralarm gehabt, bin ich wohl gar nicht wach geworden und meine Mutter hat mich auch schlafen lassen.
Am nächsten Morgen musste ich dann sofort ins Büro kommen und ich wurde gefragt: „Warum warst du letzte Nacht nicht da?“ Und ich in meiner Einfältigkeit, wenn ich mal so sagen soll, sage einfach: „Ich hatte keine Lust.“ Aber da wurde ich vielleicht runtergeputzt, auch wieder von diesem Betriebsleiter. Ich war völlig fertig, hatte wahrscheinlich nicht die richtige Antwort gegeben.Ich konnte nicht einmal mehr zu meinem Spind, um meine Jacke zu holen und überzuziehen. Sofort ging es los zur Polizei, die damals im Rathaus am Ende der Langen Straße war. Und dort wurde ich sofort von einem Polizeibeamten abgekanzelt, richtig runtergeputzt. Es wurde mir mit dem Erziehungslager Liebenau gedroht. Was das genau war, wusste ich zwar nicht, aber ich hatte schon davon gehört, dass das nichts Angenehmes sein konnte. Wie gesagt, man wusste nichts genau davon. Ich muss ehrlich sagen, ich habe mir fast in die Hosen gemacht, als ich davon hörte und mir damit gedroht wurde, denn bei der Polizei wurde mir gesagt, das wäre Wehrzersetzung. Aber wie ich dann die nächsten Tage überstanden habe, weiß ich auch nicht mehr zusagen. Ich habe immer gedacht: „Jetzt holen sie dich hier ab.“ Aber es passierte gottlob nichts. Und je weiter die Zeit hinging, desto sicherer war ich. Aber ich kann gar nicht beschreiben, was ich da für eine Angst gehabt habe
...

...Und noch etwas habe ich aus dieser Zeit erlebt, das spielte sich am Filmeck ab. Da marschierte eine SA-Abteilung mit Fahnen von der Langen Straße über das Filmeck in die Verdener Straße. Und es war ja wohl so, die Fahnen, die mussten also immer gegrüßt werden, mit dem so genannten „Deutschen Gruß“. Und hier am Filmeck, an dem Geländer, standen mehrere Leute, Zivilsten herum und die haben das wohl nicht gemacht oder wussten das wohl nicht, das weiß ich nicht, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls kam aus dieser Gruppe SA-Leute hergelaufen und haben diese Leute verprügelt. Man hat sich also gar nicht getraut, da etwas zu sagen...“
Gerhard Henking

Geb. 18.11.1926 in Erichshagen
Zimmermann-Ausbildung von 1941 bis 1943
Ab 1944 Soldat bis Ende Mai 1945
Nach dem Studium in Nienburg ab 1949
in der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung
Bis 1988 in Bremerhaven als Bauamtsrat
Jugendfreund von Willi Möller