Illustration Elisabeth Weinberg
Elisabeth Weinberg
Elisabeth Flora Weinberg wurde am 30. März 1922 in Hannover geboren. Sie wohnte mit ihren drei älteren Brüdern und den Eltern über der eigenen Viehhandlung in der Hafenstraße. Sie ist das Nesthäkchen der angesehenen Kaufmannsfamilie. Elisabeth besucht die kleine jüdische Religionsschule in der Langen Straße. Später das Lyzeum in der Leinstraße (heute Hindenburgschule). Im April 1936 besucht sie in den Ferien ihre Cousine „Spätzle“ in Breslau. Darüber führt sie ebenso Tagebuch wie über den Besuch von „Spätzle“ im Sommer 1937 in Nienburg. Die beiden Mädchen verbringen unbeschwerte Ferientage in Elisabeths Heimatstadt. Sie baden in der Weser, fahren Fahrrad und spazieren auf dem Stahn-Wall. Elisabeths Brüder emigrieren 1936 und 1938 nach Australien und Südafrika. Ende 1937 muss ihr Vater sein Geschäft schließen. Elisabeth ist es nach dem 9. November 1938 verboten, das Lyzeum zu besuchen. Im Dezember 1938 muss sie eine Kennkarte beantragen. Anfang 1939 bekommt sie – wie alle weiblichen jüdischen Mitbürgerinnen – den Zwangsnamen „Sara“ als Namensanhängsel. Den gelben Davidstern muss sie ab 1941 sichtbar auf ihrer Kleidung tragen. Elisabeth Weinberg ist das jüngste Opfer, das im März 1942 von Nienburg deportiert wird. Gemeinsam mit ihrer älteren Freundin Sophie Schragenheim, ihren Eltern und 14 weiteren Bürgern jüdischen Glaubens wird sie „auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei abgeschoben.“ Im Gedenkbuch für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland, das vom Bundesarchiv in Koblenz herausgegeben wurde, findet sich der amtliche Vermerk von damals: „Elisabeth Weinberg – Für tot erklärt am 8. Mai 1945.“

Tagebuch Elisabeth Weinberg

Meine Breslauer Ferienerlebnisse 1936

Meinem lieben Spätzle als Erinnerung an meinen Breslauer Ferienbesuch.
Donnerstag 23.4.

Der Südpark ist der Nienburger Wall in sehr viel verschönerter und sehr, sehr viel vergrößerter Auflage. Also hat er zum Spazierengehen nichts Anziehendes an sich, denn den Nienburger Wall als beliebten Sonntagsnachmittags-Ausgehspaziergang habe ich - verzeih dieses Wort – gefressen!
Ich hoffe, dass es morgen mal endlich gutes Wetter ist."

Sonnabend
Heute morgen waren wir beide zum Tempel. Das die erste große Synagoge, die ich jemals gesehen habe. Der Gottesdienst war sehr schön und feierlich, es ist doch etwas anderes, als wenn unser Nienburger Herr Goldschmidt mit seinem bezaubernden Bariton die Gesänge in einer etwas hohen Stimmlage und etwas zu gefühlvoll vorträgt.

Nienburger Ferienerlebnisse 1937 mit Spätzle

Dienstag
In Breslau mussten wir eine halbe Stunde per Rad fahren, wenn wir zum Schwimmbad wollten. In Nienburg haben wir es bequemer. Überhaupt gehen wir nicht in eine Badeanstalt, sondern schwimmen in der freien Weser. Das ist natürlich viel schöner. Zum Braunbrennen legen wir uns dann in die Wiese, oder besser gesagt, an den Strand.
Unmittelbar am Ufer läuft ein Streifen ganz feiner, weißer Sand entlang, von uns der Strand betitelt. Darin zu liegen oder rumzuwühlen ist natürlich herrlich, direkt wie am Meer. Nur wenn man gerade so schön träumt und dann plötzlich ein Dampfer ohrenzerreissend an zu tuten fängt oder Martins Kühe zum Ufer herunter rasen, fühlt man sich unsanft in die Wirklichkeit zurückversetzt.

Montag, 2.8.37
Ich vernachlässige mein Tagebuch ganz fürchterlich, schlimm – schlimm.
Dienstag war ein sensationeller Tag - für mich jedenfalls: Als wir nachmittags beim Kaffeetrinken waren, schrie Spätzle: "Liesel hat mal still, ich hab was entdeckt!!" Spatz zupfte an meinen Haaren herum und hielt mir plötzlich ein Haar vor die Nase. Allerdings kein gewöhnliches, sondern ein ... weißes. Ein richtiges, waschechtes, silberweißes Haar. Spatz lachte, ich achte. Schließlich mit fünfzehn ein viertel das erste weiße Haar, wie viel soll ich denn haben, wenn meine Tochter erst fünfzehneinviertel ist???
(Es folgen: Ausflüge nach Herrenhausen zu den Gärten, Schaufensterbummel in der Georgstraße, Radtouren in die Krähe nach Stöckse und Steimbke mit den Freunden.)

Jetzt ist es Montagabend. Der letzte Abend, wo der Spatz hier ist. Wir sind beide sehr betrübt darüber. Es ist einfach ekelhaft, dass sie schon wieder weg muss. Spatz macht aber schon eifrig Pläne. "Du kommst im Winter zu uns, ich komme nächsten Sommer zu Euch", so meint Spatz. Warten wir die Zeit ab. Ob ich wohl noch mal etwas wieder in dieses Buch eintrage, und noch mal wieder von Spätzle und mir erzähle? Ich weiß es nicht. Ich hoffe es aber!
geb. 30.03.1922 in Hannover

Lebte mit ihren Eltern und drei Brüdern in Nienburg
Besuch der Religionsschule
anschließend Besuch des Lyzeums, heute Hindenburgschule
ab 09.11.1938 Ausschluß aus dem Lyzeum
1936 und 1938 die Brüder emigrieren
1939 Elisabeth erhält den Zunamen "Sara" und den gelben Davidsstern
März 1942 Deportation aller verbliebenen jüdischen Mitbürger vom Schloßplatz
08.05.1945 Elisabeth wird "für tot erklärt".