Briefumschlag
Jaques Cherrier
28.9.1941
Arbeitskommando 5639 – Borkum
(
Inselkommandos galten allgemein als Strafkommandos)

Liebe Eltern, Mado,
ich hatte euch eine Karte geschrieben, letzten Sonntag. Aber da ich ein bisschen viel geredet habe, ist sie nicht geschickt worden. Heute, Sonntag, habe ich allein mit Zivilen gearbeitet. Schönes Wetter, aber viel Wind. Ich werde Dienstag frei haben. Die Arbeit ist nicht schwer. Bei diesem Lagerleiter bekommen wir den ganzen Tabak, Zigaretten, Wäsche, Kekse. Hier essen wir jeden Tag Kartoffeln, immer das gleiche. Wenn sie mindestens Pommes ab und zu machen würden!
Für die Befreiung werden wir uns in Geduld üben müssen.

9.11.1941
Die Bücher, die ihr mir geschickt habt, sind zum Stalag geschickt worden. Sie sind nach der Zensur wieder gekommen. Sie sind gut und helfen gegen das Heimweh. Etwas Neues in meinem Gefangenenleben: Letzte Woche haben fast alle Kumpels die Insel verlassen. Mit drei anderen haben wir als Bäcker angefangen. Seit Mittwochabend arbeite ich in einer Bäckerei, Konditorei, Cafe. Die Besitzer sind nett und jung. Der Chef spricht ein bisschen französisch und wir sprechen den ganzen Tag. Ich bin gut versorgt. Es tut mir gut, in meinem Beruf zu arbeiten. Ich bin froh, ich hoffe, es wird dauern.
Ich habe die Baracke gewechselt. Ich bin mit Kumpels, die beim Bauern arbeiten, insgesamt 10, in einer kleinen Baracke. Es ist ein bisschen eng. Wir schreiben einer nach dem anderen. Der Bäcker hat mir eine gute Decke gegeben, es ist mir nicht kalt im Bett. Morgens fange ich um 6.30 Uhr an bis abends um 19.30 Uhr. Ihr braucht mir keine Wäsche, Kekse oder Nudeln zu schicken, lieber Bücher. Nächste Woche Sonntag dürfen wir zwei Stunden über die Insel spazieren. Ich hoffe, dass Petain sich in Frankreich bemüht, uns frei zu bekommen.

9.3.1941
Arbeitskommando 94 (Marklohe, Gasthaus Vogel) und 96 (Binnen, Gasthaus Kunkel)
Liebe Eltern,
ich freue mich, dass Ihr alle gesund seid. Mir geht es auch gut. Bis jetzt habe ich neun Pakete erhalten (davon 1 von der Tante) und auch 47 Karten und Briefe (davon 35 von Mama). Liebe Eltern, ich freue mich, durch die Zeitungen zu erfahren, dass tausende Gefangene heimkehren. Es gibt uns wieder Mut. Bitte, liebe Eltern, verliert den Mit nicht. Haben wir Vertrauen. Wir haben allen Grund dafür zu glauben, dass wir uns bald umarmen können. Gebt mir Neuigkeiten vom Dorf. Gab es viele Tote im letzten Mai? Ich darf auch jetzt viermal im Monat schrieben (2 Briefe/ 2 Karten). Ich hoffen, dass Ihr nicht zu viele Schwierigkeiten mit der Lebensmittelversorgung habt. Ich bin sicher, dass die Gärten notwendig sind. In diesem Fall kann man nicht glauben, dass es Krieg ist. Es fehlt uns absolut nicht.

Quelle: Auszüge aus Kriegsgefangenenpost von Hans-Jürgen Sonnenberg, Nienburg, zur Verfügung gestellt.