Portrait Zeuge
Anneliese Krüger
„...Wir sind 1946 nach Nienburg gekommen. Meine Eltern, noch drei Geschwister und ich. Wir sind zuerst im Churchill-Camp untergebracht worden. Wir lagen dort in der DRK-Baracke auf Stroh und das war natürlich nicht so schön. Das Ganze hat vier Wochen gedauert. Meine Mutter war hoch schwanger und mein Vater sehr kriegsbeschädigt. Dadurch bekamen wir nach vier Wochen zwei Zimmer zugewiesen in der Steinbaracke Nummer 4. Darüber haben wir uns sehr gefreut, weil wir im Churchill-Camp mit vielen Familien zusammen waren. Das war nicht so angenehm.
Wir haben uns sehr schnell eingewöhnt und waren froh, dass wir eine Unterkunft hatten. Am Anfang hatten wir noch keine Matrazen. Wir haben uns zum Beispiel verblühtes Kraut, ich weiß gar nicht, was das war, geschnitten, was wir als Unterlage genommen haben, um darauf zu schlafen. Später haben wir Matrazen und auch Betten bekommen. Zum Teil bekamen wir von Nienburger Familien auch Möbel. So gut es ging, haben wir uns da eingerichtet. Im sehr kalten Winter 1947 war das Eis an den Wänden. Da sind wir mit gewärmten Mauersteinen ins Bett gegangen, damit man einigermaßen warme Füße hatte. Meine jüngste Schwester ist im September 1946 geboren. Sie lag nur im Kindewagen mit Jacke und Mütze, weil es viel zu kalt war....

...Wir hatten ein kleines Stückchen Land vor unserem Fenster. Mein Vater hatte Hühner, Kaninchen und zwei Gänse besorgt. Das war eine sehr schöne Sache für uns Kinder. Aber wir waren dann so mit den Tieren vertraut, dass keiner das Fleisch essen mochte, wenn ein Tier geschlachtet wurde. Obwohl es damals so wenig gab und alle Hunger hatten. In den Steinbaracken wohnten 12 Familien, an jeder Seite sechs. Da war ein sehr langer Flur, wo wir Kinder auch oft hoch und runter liefen, was sehr unruhig war. Wasser bekamen wir von einer Art Duschraum, der keiner mehr war. Da haben wir uns mit einem Eimer Wasser geholt. Dort waren auch Toiletten, aber keiner von uns mochte dort drauf gehen. Wir hatten gegenüber so einen kleinen dunklen Raum. Der hieß bei uns "der Bunker". Mein Vater hatte dort einen Eimer stehen und dann sind wir dorthin gegangen. Anschließend hat mein Vater den Eimer abends im Garten entleert und verbuddelt.
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...Ich ging dann zur Mittelschule, die damals auch im Churchill-Camp war. Im Winter mussten wir Gymnastik machen, da kaum was zum Heizen da war. Wir hatten einen kleinen Ofen und wer zu Hause Briketts hatte, musste was mitbringen. Ich bin sehr gerne zur Schule gegangen und habe mich da wohl gefühlt. Im Prinzip ging es allen Kindern gleich schlecht, deshalb war auch ein ganz besonderer Zusammenhalt da. Obwohl die Zeit so schlecht war, habe ich das in schöner Erinnerung. In der Schule bekamen wir Schulspeisung. das war eine Sache, worauf man sich freute. Bloß Pampelmusensuppe war nicht so mein Ding
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...Ich bin am 21. März 1948 in der Martinskirche von Pastor Heike konfirmiert worden. Die Konfirmation war ein sehr schönes Fest, so weit das möglich war. Meine Mutter hatte sogar von einem Bäcker eine Torte besorgt. Von Pastor Heike bekam ich ein Rosinenbrot geschenkt - darüber habe ich mich sehr gefreut. Es war schwierig für meine Mutter die passende Kleidung zu besorgen. Sie hatte in Greifswald ihr Hochzeitskleid aus schwarzem Stoff gelagert. Sie ist dann nochmal schwarz über die Grenze nach Greifswald gegangen, um Betten und dieses Kleid zu holen. Davon wurde dann bei Heitmann mein Konfirmationskleid genäht - mit einem weißen Spitzenkragen
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...1951 bekamen wir endlich eine Wohnung in der Fichtestraße. Mein Vater war bei der Post und bekam deshalb diese Wohnung. Das war ganz was Dolles, dass wir nun endlich eine Wohnung hatten. Mit Küche und mit Dusche. Jeder freute sich, dass nun endlich normalere Verhältnisse eingekehrt waren
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Anneliese Krüger

geb. Radke
geb. 20.5. 1934 in Stettin
flüchtet 1943 aus Stettin,
kommt 1946 in Nienburg an
Postangestellte
Konfirmandin Anneliese