Jürgen Kramer
Jürgen Kramer
„...In der Nacht vom 14. auf den 15. Februar 1945 mussten wir aus Waldenburg in Schlesien, wir wohnten in dem Stadtteil Hermsdorf, flüchten. Mit meiner Mutter und ich mit meinen vier Brüdern. Wir hatten unsere Sachen gepackt und konnten aber nicht alles mitnehmen. Wenn ich sage, unsere Sachen, dann waren das unsere Spielsachen. Und als unsere Mutter das dann mitbekam – sie packte auch ihre Sachen, was so mitgenommen werden konnte – haben wir alles wieder auspacken müssen. Und meine Mutter sagte zu uns: „Wir verreisen nur, wir kommen wieder zurück.“ Dann sind wir mit einer damaligen Institution, ich glaube das war das Rote Kreuz, mit einem Auto abgeholt worden, zum Bahnhof. Dort, wo der lange Zug mit Güterwagons und Personenwagons stand. Auf diesem Bahnhof war sehr, sehr viel Betrieb. Viele Leute, viele Kinder, viele Jugendliche, Mütter, die weinten und auch Personen, die das Ganze organisierten. Wir haben dann Platz gefunden in einem Güterwagon und dann merkte meine Mutter, dass die Jungs nicht mehr alle dabei waren. Denn der älteste, mein ältester Bruder, der war nicht mit in den Güterwagon gekommen. Meine Mutter ganz aufgeregt, und versuchte natürlich aus der Luke noch, ihn zu finden. Nur durch Glück hat sie ihn dann in einer Menschenmenge gefunden oder gesehen, sprang dann gleich raus und ist dann durch das Gewühl dort hin, hatte dann aber auch schon wohl dort Personal angetroffen, die dann ihr auch halfen. Und nur mit großem Glück konnte sie dann meinen ältesten Bruder doch noch erwischen und hat ihn dann noch in den Güterwagon gebracht

...Da bemerkten dann auch die Begleitpersonen und die Organisatoren, dass wir alles noch kleine Kinder waren. Der älteste Bruder war gerade am 11.2. zehn Jahre alt geworden, ich war acht Jahre alt und meine anderen Brüder sechs, vier und knapp ein Jahr, der lag noch im Kinderwagen, in so einem Korbwagen. Dann wurde doch noch was umorganisiert. Und wir konnten dann mit meiner Mutter doch noch in einem Personenwagon unterkommen.

...Wir fuhren dann Richtung Breslau und meine Mutter hat dann auch immer viel - uns auch später, darüber erzählt - wenn wir sonst nur drei oder vier Stunden nach Breslau von Waldenburg gefahren sind, brauchten vier jetzt vier bis fünf Tage. Das lag einmal daran, weil durch Gebiete, wo der Zug durchfuhr, zum Teil die Russen schon gewesen waren. Uns kamen aber auch noch Züge entgegen, wo jüngere Soldaten waren, die noch gen Osten fuhren, um vielleicht noch den Krieg zu gewinnen. Und die haben meiner Mutter auch so Leid getan, obwohl sie ja uns fünf Jungs ja auch hatte. Wir waren eigentlich dann auch glücklich, denn die verpflegten uns. Weil die auf ihren Wagons Gulaschkanonen hatten und wir dann auch die eine oder andere warme Mahlzeit bekamen. Wir haben mehrere Fliegerangriffe mitgemacht. Wir mussten dann unter die Holzbänke in dem Wagon und meine Mutter hat dann über uns gesessen und hat uns beschützt. Wir waren natürlich aber auch neugierig und versuchten dann auch mal raus zu kommen, um zu gucken, wo der Krach herkam. Und wir haben eigentlich großes Glück gehabt, dass wir praktisch keine Verletzungen von uns getragen haben und dass auch unsere Mutter, meine Mutter auch nicht verletzt wurde

...Wir sind dann in Breslau angekommen und von Breslau sind wir dann über Dresden - dort waren wir auch ein oder zwei Nächte im Luftschutzkeller im Bahnhof – nach Berlin gefahren. Hier muss ich sagen, dass meine Mutter immer das Ziel hatte, das hatte sie uns auch zu Hause gesagt, als wir das Haus verlassen hatten, dass sie auf jeden Fall in den Westen wollte und zwar nach Nienburg an der Weser. Weil in Nienburg an der Weser, da ist ihr Mann geboren und sie wusste ja auch, dass dort ihre Schwiegereltern noch lebten und auch die eine Schwester, die Tante Erna....“
Geb. 1.6.1936 in Waldenburg (Schlesien)

Besuch der Oberschule und der Mittelschule in Nienburg
1954 Kaufmännischer Lehrling bei der Gemeinnützigen Baugesellschaft
Von 1962 bis 2001 bei der Stadterwaltung Nienburg,
zuletzt als Leiter des Sportamtes
Präsident des Norddeutschen Schwimmverbandes
Mitglied des Prüfungsausschusses der Bezirksregierung