Portrait Hans-Otto Schneegluth
Hans-Otto Schneegluth
„...Wir befanden uns auf der Flucht aus der Stadt heraus und waren auf der Wölper Straße, heute Celler Straße. Es ging alles in Richtung Steimbke und Sonnenborstel. Sonnenborstel war so ein Tipp, den man uns gegeben hatte, denn man sagte, Steimbke könnte gefährlich werden, da könnten Truppen auftauchen, was dann auch tatsächlich der Fall war. Es sind viele Nienburger Zivilisten in die Kämpfe geraten, es hat sogar Tote gegeben und schwer Verwundete, das war ein ganz gefährliches Unterfangen. Dieser Tipp, Sonnenborstel, wurde uns gegeben, weil man sagte, hinter Sonnenborstel ist das Moor, da geht es nicht mehr weiter, das ist eine Gegend, da wird es ruhig bleiben. So zweigten wir von der Hauptstraße ab und zogen Richtung Sonnenborstel. Wir erlebten noch Tieffliegerbeschuss und mussten uns in die Straßengräben flüchteten. Das ging vorüber und wir waren dann die letzten Mohikaner, die in Sonnenborstel ankamen. Da waren schon einige unserer Verwandte, die hatten schon Quartier gemacht. Wir kamen da in einem kleinen Bauernhaus unter und zogen alle auf den Hausboden. Unser Lager bestand aus Heu und aus Stroh...

...Die erste Begegnung mit einem britischen Panzer hatten wir an der Straßengabelung in der Nähe des Gasthauses Nordertor, damals Lüttje. Wir hatten natürlich eine gewisse Angst, was würde denn jetzt geschehen. Denn nun passierte etwas sehr Seltsames: Ein britischer Soldat guckte oben aus der Panzerluke heraus und als er uns mit dem Handwägelchen sah, da machte er eine seltsame Bewegung, die man so deuten konnte wie
Kopf ab. Er lachte aber dabei. So dass wir zwar rätselten, was das bedeuten sollte, doch aber dachten, dass das satirisch gemeint war...

...Ich hatte einen Tipp bekommen, ich sollte in die Schule am Schlossplatz gehen konnte und dort die Engländer fragen konnte, ob sie ihre Wäsche gewaschen haben wollten. Ich tat das auch mit den wenigen Brocken, die ich in der Schule erlernt hatte. „Can I get your washing?“, sprach ich da einen Engländer an. Es klappte gleich, er gab mir ein Wäschebündel. Darin enthalten war ein Stück Kernseife. Das war schon mal eine sehr willkommene Sache, denn die wurde ja nicht verbraucht für seine Wäsche. Die Mutter freute sich also darüber. Als das nun alles gesäubert, getrocknet und gebügelt war, lieferte ich die Wäsche ab. Ich wurde freundlich aufgenommen und bekam Schokolade und Zigaretten dafür. Das waren sehr willkommene Waren. Wenn auch keiner bei uns rauchte, waren Zigaretten begehrte Tauschartikel...

...Als die Martinsheide geräumt wurde, also die alte Glasmachersiedlung, da war auch eine Schwester meiner Mutter mit ihrer Familie betroffen. Die suchten also auch noch bei uns Unterschlupf. Sie kamen mit einem Teil ihrer Möbel zu uns und wir mussten sehen, wie wir das alles unterbringen konnten. So lebten wir also dann in diesem kleinen Häuschen mit neun Personen auf engstem Raum eine ganze Zeit lang. Aber wir haben uns vertragen, die Not schweißt die Menschen zusammen...

...Die Not war in jener Zeit groß. Wir waren zwar noch nicht am Allerschlechtesten dran. Meine Eltern fütterten immer noch ein Schwein. Aber wir bekamen es denn auch angerechnet und man bekam dann keine Fleischkarten. Man musste sehr mit diesen Dingen haushalten. Kleinen Garten hatten wir auch, aber das alles reichte nicht aus, so dass wir auf Hamstertour gingen. Und da war meine Großmutter, diejenige, die am besten diese Dinge abwickeln konnte. Da ging ich mit ihr oft auf Tour und zwar immer in Richtung Hoyaer Land, da kannte sie sich recht gut aus. Wir gingen dort auf die Höfe - wenn man es aus heutiger sieht, waren es halbe Betteltouren. Nur um Lebensmittel haben wir auch nicht gebeten. Wir versuchten immer, Dinge einzutauschen und so gingen also Geschirrteile, Teller, Tassen und Spielsachen alle diesen Weg auf die Bauernhöfe. Die Bauersfrauen sprachen uns an: „Künnt je uns dit bringen? Künnt je uns dat bringen?“ Wir versuchten das dann zu bekommen. Es wurde alles in Lebensmittel eingetauscht, so dass wir so über die Runden gekommen sind...“
Hans-Otto Schneegluth

15.12.1932 in Nienburg
Lehre als Schriftsetzer
bis 1996 als Korrektor tätig
Chronist und Autor