Portrait Zeuge
Ilse Gieseking
„...Am 5.4. wurde die Bevölkerung aufgerufen, die Stadt zu verlassen, da Nienburg verteidigt würde. Ich war wie jeden Morgen mit dem Fahrrad in die Bank gefahren. Hier befand sich schon alles in Auflösung. Was irgend möglich war, wurde noch in den Tresor und in den Keller gebracht. Wieder zu Hause, war mein Vater nicht bereit, Nienburg zu verlassen. „Die Ziegen müssen gemolken werden.“ Aber die hatten gerade gelammt und so wurden die Lämmer im Stall gelassen und so hatte sich das Problem Melken erledigt. Schließlich war mein Vater bereit, Richtung Nienburger Bruch die Stadt zu verlassen. Wir waren sieben Personen, einschließlich meiner Schwägerin mit einem Baby und meiner Schwester, der es gesundheitlich gar nicht gut ging. Handwagen, Fahrräder, Schaufeln, Stroh, Wolldecken und natürlich Essen und Trinken hatten wir mitgenommen....

...Wir fanden am Waldrand eine Scheune, die nicht verschlossen und noch nicht belegt war. Aber mein Vater hatte keine Ruhe. Er hatte Angst vor Plünderungen im Haus oder Beschlagnahmung. Schließlich war ich bereit, zusammen mit Anneliese, Käthes Schwester, nach Nienburg zurückzukehren. Am nächsten Morgen brachte ich mit dem Fahrrad noch wieder Nachschub in die Scheune. Ein Bund Stroh und einen Topf Streckrüben. Aber am Nachmittag kam dann Käthe mit dem Baby nachhause zurück und am nächsten Tag auch alle anderen. Sie wollten lieber das Ende im Haus erwarten...

...Ende April öffnete die Bank wieder. Alle, die Vollmacht hatten, wie ich, mussten einen Fragebogen ausfüllen über ihre NS-Vergangenheit. Und ich habe ehrlich reingeschrieben, dass ich Schaftführerin war, obwohl ich das ja schon lange nicht mehr war. Dann kam ein englischer Offizier zu meinem Chef und er hatte die Order, mich zu entlassen, beziehungsweise, mich zu beurlauben. Das war für mich sehr schlimm. Ich war so verzweifelt, dass ich mich am liebsten aufgehängt hätte. Das dauerte ungefähr vier bis sechs Wochen, dann durfte ich wieder arbeiten. Vorher war ein Offizier mit einem Dolmetscher zu uns nach Hause gekommen, um mich noch einmal zu verhören. Mir wurde gesagt: „da können sie einmal sehen, wie gefährlich es ist, wenn man sich politisch betätigt.“ Aber Schaftführerin war für mich keine politische Betätigung...

...Nienburg war voller Flüchtlinge. Ich zog 1946 in ein möbliertes Zimmer von neun Quadratmetern in der Bank, da mein Elternhaus durch die Belegung mit Flüchtlingen und durch die Rückkehr meines Bruders mit Familie überbelegt war. In der Bank konnte in dem Winter nicht die Zentralheizung angemacht werden, da die Kohlen zu knapp waren. Die Wände meines Zimmers glitzerten oft von Eis und die Bettdecke war vom Atem gefroren. Aber wenn ich zum Schlafen abends in die Bank kam, sorgten der Chef und seine Frau immer dafür, dass ich eine Wärmflasche bekam...

...Der Schwarzhandel blühte. Zigarettenwährung gab es. Zigarettenmarken bekamen Frauen erst mit 25 Jahren. Ich also Ende 1946. Ich erinnere mich noch, dass ich eine Quelle gefunden hatte, bei der ich für Zigaretten einen Badeanzug bekommen sollte. In einer gemütlichen Runde, als die Zigaretten ausgegangen waren, wurde das Oberteil meines Badeanzuges verraucht...“
llse Gieseking

geb. 6.9.1921 in Nienburg
Von 1928 bis 1936 in der Leintorschule
Ab 1938 Handlungsbevollmächtigte bei der Norddeutschen Kreditbank in Nienburg
Von 1954 bis 1984 bei der Commerzbank Nienburg, zuletzt als Prokuristin