Jürgen Kramer
Jürgen Kramer
„...In der Baracke waren wir etwa drei bis vier Tage. Dann wurden wir aufgeteilt. Meine Mutter hatte sich darum bemüht. Mein ältester Bruder, der zog zu meinen Großeltern in die Glasstraße und meine drei Brüder und ich wir zogen in die Quellhorststraße zu unserer Tante Erna.

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Nach einigen Monaten bekamen wir dann aber eine Wohnung in der Moltkestraße 12. Die hatte meine Mutter durch Beziehungen besorgt. Aber wir hatten die Wohnung nicht alleine, es wohnte auch noch eine andere Familie in zwei Räumen. Wir hatten kaum Gestühl, keine Betten, das musste alles organisiert werden, was meiner Mutter auch so recht und schlecht gelang. Mein ältester Bruder und ich, wir waren mal einen Abend spät unterwegs und haben am Wasserübungsplatz zwei Bettgestelle, ich kann ruhig sagen, geklaut, damit wir wenigstens nachts ein Zuhause hatten.

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Wir schliefen zu fünft in einem großen Raum, und zwar zu zweit in einem Bett auf Strohmatten. Für den Winter wurden 20 bis 25 Zentner Kartoffeln eingekellert. Dafür wurde uns auch ein großer Kellerraum zur Verfügung gestellt. Wir hatten aber auch noch einen anderen Kellerraum, wo wir Koks und Brikett unterbekommen hatten, denn Heizung gab es ja nicht. Da musste immer morgens der Ofen sauber gemacht werden und dann wieder neu angemacht werden. Wir hatten dafür einen genauen Plan, alle mussten mit anfassen, denn zwischenzeitlich hatte meine Mutter eine Stelle bei Firma Hansen bekommen. Und sie war dann tagsüber nicht zu Hause. Wir hatten uns aber auch um unsere beiden Jüngsten zu kümmern, die wir dann auch mit betreuten. Wir gingen ja auch zum Teil schon zur Schule und wenn wir aus der Schule kamen, wir hatten ja – das kann man sich gar nicht mehr vorstellen - immer Hunger. Und nur von Kartoffeln hatte man zwar einen vollen Magen, aber der war dann auch schon bald wieder leer. Und so machten wir, mein Bruder und ich uns auf die Walz und gingen betteln. Nicht nur in Nienburg, sondern auch praktisch über Nienburg hinaus bis Pennigsehl haben wir dort Bauernhofe aufgesucht und hatten auch hin und wieder Glück, dass wir mal ein kleines Stück Wurst oder ein Stück Käse oder auch mal einen Schluck Milch bekamen. So haben wir uns dann über die Runden gerettet.

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Bei Bäcker Meinecke konnten wir dann unser Brot holen, aber man sollte nicht glauben, dass es Weißbrot und Graubrot gab, das gab es erst später. Wir mussten uns mit Maisbrot begnügen und waren froh, wenn wir dann Maisbrot mit nach Hause bringen konnten. Und waren überglücklich, wenn unsere Mutter oder auch ein Fremder uns mal ein Stück Wurst gab. Oder wir brachten ein Stück Wurst vom Betteln mit, dass wir dann diese aufgeteilt auf unseren Teller bekamen. Wir nannten sie dann „Schiebewurst“. Ich weiß, dass unsere Mutter immer sehr traurig war, dass sie uns nicht satt bekam. Wir haben dann ein, zwei Scheiben Maisbrot bekommen und haben die Wurst dann immer so auf dem Teller vor uns her geschoben, bis es dann der letzte Happen war, damit wir das Brot nicht ohne Wurst zu essen brauchten. Und darum nannten wir sie „Schiebewurst“.

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Wenn die Brikett oder der Koks einmal knapp wurden, dann sind wir auch mit einer Karre zum Güterbahnhof gefahren, mein ältester Bruder und ich. Und haben dann auch mal Brikett geklaut. Mein Bruder rauf auf so einen Waggon, die Waggons wurden ja hin und her geschoben, und ich stand unten und habe dann die von ihm heruntergeschmissenen Brikettteile eingepackt. Dann hatten wir auch mal großes Pech, dass wir beobachtet wurden von einem Häuschen, dort wo der Rangierwächter zu Hause war. Der hatte uns beobachtet, auf einmal stand er hinter uns und wir hatten dann natürlich sehr sehr große Angst. Er hatte uns dann mitgenommen und wir mussten einen halben Tag bei ihm bleiben und meine Mutter musste uns dann dort wieder auslösen.

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Natürlich hatten wir auch Gelegenheit, mal ein bisschen Freizeit zu nutzen. Dann war die Weser das Gebiet, wo wir uns viel aufhielten. Wir fanden dann an dem Ufer Granaten, die wir aufgeschlagen hatten. Das heißt, wir haben die Spitze über einen Stein abgeschlagen und hatten dann den Zugang zu dem Stangenpulver. Dieses Stangenpulver haben wir dann heraus genommen und hatten uns bei den Engländern Milchdosen, die sie ja in vielen Mengen hatten, genommen, und hatten das dann dort reingebröckelt, um dann einen Stab draußen zu lassen, und haben den angesteckt, sind in Deckung gegangen und freuten uns, wenn dann ein Riesenknall kam.

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Einen Großteil unserer Freizeit in den Sommermonaten haben wir im Freibad an der Mindener Landstraße verbracht. Meine Mutter war dann auch immer froh und zufrieden, weil sie weiß, dass wir nicht irgendwo anders rumstrolchten. Und der damalige Schwimmmeister, wir nannten ihn immer Willi, Willi Henke, der hatte dann auch eine Aufgabe von meiner Mutter mitbekommen, uns mit zu betreuen. Dieser Schwimmbadbesuch, der war nicht immer ganz einfach. Solche Badehosen wie es sie heute gibt, die gab es damals noch nicht. Wir hatten Wollhosen an und wenn die nass waren, dann hingen die uns auf den Knien. Und Handtücher hatten wir auch nicht. Meine Mutter gab uns dann immer ein Leinenhandtuch mit und wir wissen, wenn der erste damit abgetrocknet wurde, dann war das klitschenass. Und sie hat uns immer mit auf den Weg gegeben: „Als erstes wird der Jüngste abgetrocknet!“ Das haben wir auch getan und wenn es dann Nachhause hing, wollte dann keiner dieses nasse Handtuch tragen. Und wenn wir es mal nicht mit Nachhause gebracht haben, dann musste einer oder zwei wieder ins Freibad gehen und das Handtuch holen, weil das ja sehr wertvoll war. Es gab da nicht viele Handtücher. Dass das immer zu viel Ärger führte, kann man sich denken. Auf dem Rückweg sind wir dann immer durch den Garten bei Williges unten an der Moltkestraße gegangen und hatten schon vorher Augustäpfel ausfindig gemacht. Dann sind wir schon mal über den Zaun gestiegen und haben uns da an den Augustäpfeln bereichert....“
Geb. 1.6.1936 in Waldenburg (Schlesien)

Besuch der Oberschule und der Mittelschule in Nienburg
1954 Kaufmännischer Lehrling bei der Gemeinnützigen Baugesellschaft
Von 1962 bis 2001 bei der Stadterwaltung Nienburg,
zuletzt als Leiter des Sportamtes
Präsident des Norddeutschen Schwimmverbandes
Mitglied des Prüfungsausschusses der Bezirksregierung